Gletscher-Tour: ein hochalpines Hunde-Abenteuer

Prolog

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August 2010. Die Bergsteigertruppe staunt nicht schlecht, als ich mit kurzer Hose, Trailschuhen und einem Handtaschenhund (Lenny, Jack Russell Terrier, 7 kg Kampfgewicht) bewaffnet ebenfalls das Gipfelkreuz erreiche. Wir sind auf dem Hasenöhrl (3257m), dem vielleicht schönsten Berg der Welt. Für mich jedenfalls. Die Bergsteiger waren bereits vor 8 Stunden von St. Gertraud im Ultental aus aufgebrochen. Lenny und ich kamen von der anderen Seite, dem Vinschgau (Latsch), und hatten somit den längeren und Höhenmeter-reicheren Weg. Wir waren noch keine 5 Stunden unterwegs.

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Die Sonne scheint, die Aussicht ist phantastisch. Lenny und ich genießen für ein paar Minuten die Stille, wir teilen uns ein Brötchen (ich das Brot, er den Belag; wie immer) und springen dann wieder nach unten ins Tal, um rechtzeitig zum Nachmittagskaffee in der Ferienwohnung aufzuschlagen. Ein rundum gelungener Gletscherausflug!

Das Hasenöhrl – ein erwanderbarer Gletscher

Eines vorweg: ich bin großer Fan davon, mit Hund(en) in den Bergen zu wandern. Berge sind eine Herausforderung, deren Bewältigung mit positiver Bestärkung belohnt wird, für Mensch und Hund: Es bleibt das gute Gefühl, gemeinsam etwas geschafft zu haben. Steigern lässt sich das Erlebnis, wenn die Berg-Tour bis in hochalpine Regionen reicht. Hier ist alles eine Prise extremer: die Stille, die Fernsicht, das Klima. Ich bin allerdings kein Freund von Seil und Haken, Überhängen und wilden Kraxlereien. Eine Gemeinsamkeit, die ich mit unseren Hunden teile.

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Glücklicherweise verstecken sich in den Alpen einige hochalpine Herausforderungen, welche ohne Kletterakrobatik bewältigt werden können. Ein Paradebeispiel dafür ist meiner Meinung nach das Hasenöhrl (3257m) in Südtirol. Es ist die höchste Erhebung, welche die Bergkette zwischen dem Vinschgau und dem Ultental zu bieten hat.

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Wir sind nicht weit von Meran entfernt; aus räumlicher, nicht aus touristischer Sicht. Das Hasenöhrl ist kein allzu beliebtes Ausflugsziel, was zum einen an der konditionellen Herausforderung, zum anderen an den Gipfeln mit weit glorreicheren Namen in näherer Umgebung liegt.

Mehrere Wege zum hochalpinen Ziel

Die Wege zum Hasenöhrl-Gipfel sind zugegebenermaßen längere Vergnügen, ganz egal, wie man sie angeht. Aber sie lohnen sich!

Das Hasenöhrl kann von mehreren Seiten bestiegen werden und ich habe mittlerweile alle Wege, die zum Hasenöhrl führen, auf Hundetauglichkeit gecheckt. Hier ist mein Résumé.

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Take it easy: St. Gertraud im Ultental

Ausgangspunkt: St. Gertraud im Ultental.

Wer von St. Gertraud (ca. 1350m), dem letzten Dorf des Ultentals, aus aufbricht, wählt den Weg der Erstbesteigung. Dieser gilt als der technisch einfachste, sollte aber aufgrund seiner gut 2000 Höhenmeter konditionell nicht unterschätzt werden.

Von der Bushaltestelle (da gibt´s auch Parkplätze) aus schlängelt sich ein kleiner Pfad nach oben; er kürzt die Serpentinen der Hauptstraße ab.

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Wir erreichen den oberen Teil des Ortes und eine kleine romantische Gasse führt uns in einen wunderschönen und steil aufsteigenden Waldweg.

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Dieser führt uns zu den alten Flatschhöfen (1769m) und auf einen Fahrweg, der uns zum Beginn des Flatschbergtals führt.

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Der Weg ist relativ breit und unspektakulär. Wir erreichen bald die Vordere (1900m), dann die Hintere Flatschbergalm (2100m).

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Ab hier wird es landschaftlich richtig schön. Wir überqueren mehrmals den kühlen Bergbach, schließen Freundschaft mit Kühen, Pferden und Ziegen, und treffen schließlich auf einen sehr markanten, riesigen Felsbrocken.

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Bald schon spaltet sich der Weg und unserer geht nach rechts zur Lacke (eine überdimensionale Pfütze).

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Dort angekommen können wir die letzten Schritte ohne nennenswerte Höhenmeter genießen, denn anschließend kommt der zwar technisch einfache, aber recht steile Anstieg zum Bergkamm (3010m).

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Wenn das Wetter auf unserer Seite ist hat man von hier einen sehr schönen Blick ins Vinschgauer Tal. Wir laufen rechts die letzten gut 200 Höhenmeter nach oben zum Gipfelkreuz und dessen herrlichen Rundumblick.

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Dieser Weg ist für Wanderer mit etwa 8 – 9 Stunden veranschlagt. Man sollte sich also relativ früh auf die Socken machen. Ich empfehle auch immer, eine Stirnlampe mit in den Rucksack zu packen: die wiegt nichts und macht einen ungeplant verspäteten Heimweg deutlich entspannter.

Gletscher to go – Kuppelwieser Alm

Ausgangspunkt: Kuppelwieser Alm. Die Kuppelwieser Alm (1970m) ist mit dem Auto vom Ultental aus (Abzweigung im Ort Kuppelwies) erreichbar. Wir sparen uns einige Höhenmeter im Vergleich zur vorangegangenen Beschreibung. Allerdings müssen wir uns von dieser Seite kommend auch mit einer seilversicherten Stelle herumschlagen. Das klingt für Kletterverweigerer wie mich erstmal schlimmer als es in Wirklichkeit ist. Für die Hunde ist es naturgemäß nicht ganz einfach, weil denen ein Seil recht wenig nützt.

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Wir parken unweit der Kuppelwieser Alm und laufen die Forststraße weiter nach oben. Hier konnte ich schon des öfteren recht stattliche Schlangen sichten. Kurz darauf biegen wir steil nach links in einen Wiesen-Pfad ein. Das geht an die Kondition und wir müssen uns Laune erhaltend immer bewusst machen, dass wir so auch schneller am Ziel sind.

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Die steilen Almwiesen führen uns zu einem Grat, auf dem man die Reste eines ursprünglich mal 2,5 Kilometer langen Jochwaals bestaunen kann.

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Wir laufen links weiter hinauf und der Weg wird immer schwieriger. Irgendwann sind die Stufen, welche von den Felsen vorgegeben werden, so hoch, dass ich unserem Terrier immer wieder mal nach oben helfen muss.

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Die größte Herausforderung für das Mensch-Hund-Team ist die für ein paar Meter seilversicherte Stelle. Hier bekam es Kerkis mal mit der Angst zu tun. Allerdings waren wir schon mitten drin und ein Zurück wäre auch nicht besser gewesen. Also habe ich die 20 Kilo Kerkis geschultert, mit der rechten Hand den Hund, mit der linken uns beide am Seil „gesichert“. Gut, dass das keine gesehen hat…

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Diese Stelle würde ich für mein Empfinden als „Oberkante“ für eine Bergtour mit Hund bezeichnen. Andere mögen mich dafür belächeln, wieder andere schütteln wahrscheinlich nur den Kopf, die Wahrheit bzw. Machbarkeit muss jeder für sich und in Verantwortung für seinen Hund selbst heraus finden.

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Nach diesem Abenteuer sind die ersten Schneefelder (auch im Sommer) nicht mehr weit und sie entschädigen den Hund für jede Mühe.

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Zwischen den beiden Fernern geht es aussichtsreich (der stahlblaue Azkar-Stausee auf der einen, das Vinschgau auf der anderen Seite) auf einem phantastischen Grat die letzten Meter nach oben zum Gipfelkreuz.

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Variante: Vom Vinschgau
auf´s Hasenöhrl

Ausgangspunkt: Latsch im Vinschgau. Wer sich den oben beschriebenen finalen Abschnitt über den Grat, welcher zwischen den beiden Gletscherfeldern hindurch führt, nicht entgehen lassen will, aber keine Lust hat, zuvor das Auto auf gut 1900 Meter hochzujagen, dem möchte ich diese XL-Edition empfehlen.

Start ist im schönen Vinschgauer Tal, in Latsch, und ich parke direkt am Ufer der Etsch. Es empfiehlt sich, zeitig loszugehen, denn etwa 2500 positive Höhenmeter stehen im Hausaufgaben-Heftchen. Warum so viele? Nun, auf unserer Hasenöhrl-Linie liegt uns mit dem Zwölferkreuz noch ein anderer Berg – wortwörtlich – im Weg.

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Der Weg schlängelt sich steil durch den Wald. Ich habe einen Tag gewählt, an dem im Tal tagsüber gut 35 Grad erwartet werden. Die Gipfelaussicht wird vermutlich aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit nicht die beste sein, aber klimatisch sind wir da oben auf der hundesicheren Seite.

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Unser Wanderweg trägt den Namen 4, später 4a, dann 10. Diese Zahlenkombi kann ich mir gerade noch merken; die Sauerstoffversorgung setzt jetzt andere Prioritäten.

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Nach einem kaum enden wollenden Aufstieg (von 700 auf 2500m) erreichen wir das Zwölferkreuz, was eigentlich als Aussichtsplattform schon Ausflug genug wäre. Wir haben uns heute aber mehr vorgenommen.

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Nach einem kurzen (naja, relativ) Abstieg können wir uns am Gletscherbach erfrischen. Anschließend steigen wir über schroffe Felsen weiter hinauf. Ganz oben ist der nördliche Hasenöhrl-Ferner schon in Sicht.

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Dann erreichen wir die Überreste des Jochwaals. Ab hier befinden wir uns wieder auf der Route Kuppelwieser Alm – Hasenöhrl, die ich weiter oben beschrieben hatte.

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 Variante 3: Monte Rotto Überquerung

Kommen wir noch kurz und nur der Vollständigkeit halber zum dritten Weg, welcher auf das schöne Hasenöhrl führt. Dieser beginnt im Ultental und kann wahlweise von St. Gertraud oder vom Parkplatz „Cafe Sporthof“ (3 km vor St. Gertraud) begonnen werden.

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Der erste Teil der Strecke ist sehr schön, sehr einsam  und idyllisch. Über den Wanderweg 14a erreichen wir das abgelegene Schaferhüttl (2480m) und biegen einige Minuten später links zu einem Berg, der auf den seltsamen Namen „Bei der Stange“ (2740m) hört, ab.

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Ab jetzt wird es ungemütlich. Der Wanderweg setzt immer wieder mal aus und es wird so steil, dass ich mich wie mein Hund auf allen Vieren nach oben schaufle. Wenige Meter unter der 3000er Marke erreichen wir den Gipfel des Monte Rotto. Ab hier war für mich Schluss. Der Gipfel des Hasenöhrls ist zwar nicht mehr weit, aber das Terrain hier ist für mich und unsere Hunde zwei Stufen zu heftig.

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Als Empfehlung für eine hochalpine Tour mit Hundebegleitung kann ich nur den ersten Teil der Strecke aussprechen. Wer das ins Auge fasst, der sollte auf dem Rückweg unbedingt das Schusterhüttl (2310m) einplanen; eine der urigsten und hübschesten Almen des gesamten Ultentals!

Ein paar Tipps

Wer das hochalpine Erlebnis mit Hund ins Auge fasst, sollte konditionell gut ausgestattet sein, und das gilt für alle Beteiligten. Als Ausrüstung empfehle ich: Ein trockenes T-Shirt (für den Abstieg), eine wasserdichte Jacke, bequeme und leichte Schuhe mit gutem Grip, Handschuhe und Mütze (ja, auch im Sommer), eine leere Plastikflasche (Gewicht sparen: Wasser gibt´s unterwegs aus Bächen), etwas Proviant, Nordic Walk Stöcke, die Rettungsdecke aus dem Verbandskasten (wiegt keine 100g). Ich habe auch noch immer ein kleines Taschenmesser und eine Schnur dabei.

Versucht, das Gewicht möglichst gering zu halten und trotzdem das Nötigste (zB bei einem Wetterumschwung) dabei zu haben.

Für den Hund: Booties (für alle Fälle), evtl. Verbands-Zeug, ein stabiles Geschirr, mit dem man den Hund am Jogging-Gürtel sichern kann.

Die beste Jahreszeit: ab Ende Juni bis Ende September, weil dann die Schneefelder relativ klein sind.

Epilog

August 2014. Schneeregen. Ich bin mit Sarja und Kerkis auf etwa 2800m, vor uns liegt der finale Anstieg zum Bergkamm, der uns auf´s Hasenöhrl bringen soll. Es ist kalt und der Wind wird immer stärker.

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Plötzlich ziehen finstere Wolken über den Bergkamm auf uns zu. Der Schneefall wird immer stärker, wir kämpfen uns langsam über die immer weisser und rutschiger werdenden Felsen nach oben.

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Ich zögere einen kurzen Moment, weil es immer schwerer wird, eine begehbare Route festzulegen. Die Sichtweite hat sich auf weniger als 10m reduziert.

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Sarja und Kerkis sind vor mir und halten die Leine leicht auf Zug. Plötzlich schwenkt Kerkis ein, dreht um 180 Grad und schlägt die Gegenrichtung, zurück ins Tal, ein. Ich bin überrascht. Doch nach kurzer Überlegung gebe ich ihm recht: das macht heute einfach keinen Sinn. Bis hier hin hatten wir Spaß, alles weitere wäre verantwortungslos.

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Die Option, jederzeit umzudrehen und das geplante Tagesziel nicht mit Gewalt durchzuziehen, muss man sich vor allem im hochalpinen Bereich immer bewahren.

Das Hasenöhrl wird auch 2015 noch stehen und ich freue mich jetzt schon darauf, wenn ich das vor Ort überprüfen werde!

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Wer selbst schon hochalpine Erfahrungen mit Hund machen durfte: ich bin für jeden Tourentipp dankbar. Abschließend noch ein paar Fotos von unseren Hasenöhrl-Touren der letzten Jahre, viel Spaß!

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2 Kommentare


  1. Tolle Bilder, wieder einmal hervorragend geschrieben – wer da keine Lust bekommt … 🙂

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